Bruxelles combat Monteverdi   Libération, Paris, 12./13.2.1994
 
Wie Monteverdi einen historischen Sinn zurückgeben? Durch die Inszenierung, mit Unterstützung eines zeitgenössischen Komponisten. Das ist "Missa e Combattimento"
 
... Die junge Regisseurin Astrid Vehstedt wollte das Combattimento seinem Status als Gehäuse der Trugbilder entreißen, um es in die Perspektive des Epos zurückzuversetzen. Auf diese Weise wurde "Missa e Combattimento" geboren, das einer dreijährigen Beharrlichkeit bedurfte, um schliesslich in Antwerpen und Brüssel das Licht der Welt zu erblicken.
 
Die Regisseurin analysiert die Umstände, in denen der Dichter Torquato Tasso mitten in der Zeit der Inquisition des XVI. Jh. sein "Gerusalemme liberata" schrieb, ein Gedicht über die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im  XI. Jh. Die Erfindung der Moslemin Clorinda, die Liebe, die den christliche Heerführer Tankred zu ihr führt, erschienen der Regisseurin anmaßend und eine latente Kritik gegenüber diesem Krieg zu enthalten, den Papst Urban II ausrief, um die Abenteurer aus Europa zu entfernen, die seine Politik kompromittierten. Dennoch konnte diese Kritik nicht zu offensichtlich ausfallen, weshalb Tasso das ultimative Aufbäumen der Clorinda erfand, die von Tankred die Taufe verlangt, um in Frieden sterben zu können. Aber warum soll man diese Verdrehung der Geschichte, diese Camouflage der Umstände ständig wiederholen ? Warum nicht vielmehr sie überwinden ?
 
(...) Die Wut des Tankred ist Ausdruck des Konflikts zwischen den menschlichen Gefühlen und den Normen, die der Krieg diktiert. Die Humanität und der Krieg sollten in diese Aufführung des Combattimento einfliessen : dafür braucht man das Theater, das die Sänger aus der "reinen" Musik herausreisst.
 
Ein Bühnenbild aus Sand mit beweglichen Wänden (verrostetes Eisen auf der einen, verbranntes Holz auf der anderen Seite) : Jerusalem. Bevor das Combattimento sich vor den Mauern der Stadt abspielt, läßt Astrid Vehstedt mit zehn Sängern einen Prolog spielen, der deutlich macht, wie eine verhungerte und von Bürgerkriegen zerrissene Bevölkerung in einen Krieg hineinschlittert.(...)
 
Nach dem Combattimento mit der unerwarteten Konversion Clorindas, welche die Christen als Vorzeichen für ihren Sieg interpretieren, läßt Astrid Vehstedt die Hochzeit von Krieg und Religion in einer Messe zelebrieren.(...) Es ist ein ritueller Abschnitt, deren Musik gleichzeitig sanft und wild ist und damit eine erste Reflexion des Combattimento mit seinen doppeldeutigen Reizen. Schließlich folgt eine Art Ausdehnung des Combattimento, ein wahrhafter Erfolg dieses Projektes, der es kohärent macht. Judith Weir hat zu diesem Anlaß ein Combattimento II für neun Sänger geschrieben. Die Klagen der jüdischen und arabischen Frauen in Jerusalem, die mutigen Worte eines Imam, die brutalen der Kreuzfahrer werden mit Bruchstücken von Monteverdi verwoben. (...) Es sind die Gesänge des Combattimento, aber ihrer Verführungskraft enthoben, wie gehämmertes Metall, duchbohrt von deformierten Harmonien, die so eine Nähe zur Gegenwart hervorrufen. Das Combattimento, versteckt hinter den Konventionen der Renaissance, wir auf diese Weise eindeutig.
 
Auch wenn es einige Schwächen in Missa e Combattimento gibt :  das Projekt ist außergewöhnlich in der Welt der Oper. Den Sinn behaupten, koste es auch harte dramatische und musikalische Arbeit, ist außergewöhnlich. Auf eine solche Weise die Konfrontation des Barock mit der Gegenwart ausschöpfen ist außergewöhnlich. Auf eine solche Weise die Sänger zum Kampf antreiben (die Gefechtsszenen an sich sind schon vorbildlich) ist außergewöhnlich.  Das gibt es in Brüssel.
 
 
"Eine überwältigende Aufführung
..."Missa e Combattimento : diese vollkommen gelungene, überwältigende Aufführung ist noch dreimal im Lunatheater zu sehen."
Le Soir, Titelseite 14.2.1994
 
 
Le combat contre l'intolérance
 
 
... Die Kraft der Handlung findet ihre Energie in Form einer totalen Kompromißlosigkeit, sei sie moralisch und politisch, künstlerisch oder stilistisch (Monteverdi und Tasso sind nicht nach Tagesgeschmack aufbereitet; es ist vielmehr ihre faszinierende Modernität, die uns vor Augen und Ohren aufgeht).
 
Es ist starkes Theater (...) die Inszenierung von Astrid Vehstedt, die auch einen großen Teil des Textes schrieb, geht direkt ins Essentielle : in der düsteren Schönheit der Szene, die entblößt und doch unglaublich phantasievoll ist, ist es vor allem das Spiel der Darsteller, das die ganze Größe und Kraft des Werkes trägt. Es muß hier gesagt werden, daß die hier vereinigte Truppe der Sänger-Darsteller ganz außergewöhnlich ist. (...)
 
Le Soir, 14.2.1994
 
 
 
Hymne à la tolérance inspiré par Monteverdi
 
(...) In einer Epoche, in der Fundamentalismus die uns bekannten Verwüstungen anrichtet, entfaltet die Vorstellung eine ungeheure Kraft. Hymne an die Toleranz, konzipiert von Frauen unserer Zeit in einem ästhetischen Kontext, der ebenso schön wie machtvoll ist, beruhend auf einer Führung der Schauspieler, die ohne jede Willkür ist (...), respektiert dieses Combattimento zwar das Essentielle des Christentums, des Judentums und des Islam, enthüllt jedoch andererseits ohne jede Gefälligkeit seine Verirrungen.
 
Dadurch entsteht dieser starke Eindruck des Sakralen, der eine einfache Vorstellung für uns zum Kunstwerk macht.
 
Man greife die großartige Gestaltung des in sich zerrissenen Söldners Mark Oldfield (Tankred) heraus, die der Zofia Kilanowicz (eine bewegende Clorinda) oder die Richard Jacksons, ein Testo-Evangelist-Reporter, der sich in seinem Versuch objektiver Erzählung in der Erfahrung einer intolerablen Situation erschöpft. (...)
 
 
La Libre Belgique, Brüssel, 14.2.1994
 
Muziek van Weir in "Missa e Combattimento"
 
Geschickt, wie Regisseurin Astrid Vehstedt die Musik von Walter von der Vogelweide, Monteverdi und Judith Weir in der Oper Missa e Combattimento zur Symbiose brachte. (...)
Das von ihr mit Sorgfalt ausgesuchte und zu überzeugenden Darstellern geformte Sängerensemble musizierte und spielte mit Hingabe. Das Resultat war ein Dokument über Krieg, Gebet und Tod von dem sich jeder Zuschauer getroffen fühlte.(...)
 
Jede Geste in dieser Oper ist nüchtern, klein aber so kraftvoll in ihrer Wirkung. Die wenigen Attribute, die diese Oper reich ist, tragen die größte Bedeutung : die jüdische Gebetsrolle, eines der kostbarsten Symbole in der Synagoge, wird von den Christen besudelt. Ein brennendes Zeichen von Unverträglichkeit zwischen den Kulturen. Der Kampf wütet pausenlos in dieser Oper. Die Gefechtstechnik ist so gut, daß die Gewalt fühlbar dem Zuschauer nahe kommt. Selten sah ich Opernsänger so wahrhaftig in ihrer Geschichte aufgehen. (...)
 
De Standaard, 31.5.1993
 
 
Festival der zeitgenössischen Oper in Antwerpen
 
"Die überzeugendste Realisation war Missa e Combattimento - Scenes from a Holy War, ein Stück von Astrid Vehstedt (Konzept und Libretto) entstanden aus "Il Combattimento di Tancredi e Clorinda" con Monteverdi und "Missa del Cid" von der schottischen Komponistin Judith Weit (Jg. 1954) mit zusätzlicher Musik von Walther von der Vogelweide.
 
In einem Prolog und drei "Akten" erzählt man die leider immer aktuellen Geschichten von Krieg und Zerstörung, religiösem Fanatismus und Intoleranz. (...)
 
Im Prolog, mit viel gesprochenem Text, wird ein Palästinalied von Walther von der Vogelweide verwendet, in "Combattimento II" bearbeitete Judith Weir das Original, behielt die harmonische Basis und fügte Farben und Dissonanzen hinzu. Ihre eigene "Missa del Cid" (in der auch das Thema der Kreuzzüge behandelt wird) bietet a capella Gesang mit erzählendem Text.
 
Dies wurde im Konzept von Astrid Vehstedt zu einer richtigen Symbiose gebracht, ein eindringliches Dokument, das beeindruckt, dramatische Spannung hat, zum Nachdenken anregt, aber nie brav moralisierend wirkt. Außerdem war es auch eine suggestive Inszenierung mit ausgezeichneter Personenführung. (...)
 
Opernwelt, August 1993
 
 
Foto: Suzanne Jansen