Universaler Jakob Lenz
 
deSingel bestand seine erste Kammeroper-Probe mit summa cum laude.
 
Astrid Vehstedt, Regie und Bühnenbild, lieferte ein Meisterwerk ab. Sie legte Wolfgang Rihms Jugendwerk bis auf die bloße Haut frei. Der historische Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Lenz wurde nicht zum zweitenmal historisch, Im Gegenteil : Vehstedt reinigt Lenz mitleidlos zu einem zeitlosen Individuum. (...)
Vehstedt meidet alles Anekdotische, der Klang zeichnet das Bild. Sie abstrahiert die Textzeichen zum Ursymbol. (...)
Durch die zeitlose, abstrahierende Darstellung übersteigt Vehstedt die psychoanalytische Nabelschau. (...)
 
De Nieuwe Gazet, 6./7.4.1991
 
 
La première belge de "Jacob Lenz" de Rihm
 
Une équipe de jeunes pros à l'opéra
 
(...) Der Erfolg ist Resultat eines professionellen Niveaus, um das sie manches offizielle Opernhaus beneiden kann. (...)
 
Astrid Vehstedt verräumlicht ihre Aufführung in einem stilisierten Expressionismus, bewundernswert mit der Beleuchtung und des Haltungen spielend; szenisch einzigartig angelegt, viel Klarheit, nichts forciert, eine Sensibilität, welche die Emotionen meistert; die Qualitäten des Theaters von der Substanz des Stückes genährt und allen spielerischen Intellektualismus auf Distanz haltend.
 
Vielleicht hätte diese Art des Inszenierens noch mehr Zerrissenheit und Gewalt im fortschreitenden Wahnsinn gefordert, aber dies ist nur ein kleiner, undeutlicher Fleck in einem brillanten Erfolg. (...)
 
Le Soir, 6./7.4.1991
 
 
Au Singel : l'ensemble interculturel crée "Jakob Lenz" de Wolfgang Rihm
 
(...) Die nüchterne Inszenierung von Astrid Vehstedt erreichte in einem strengen Bühnenbild mit einem Hügel echter Erde und einem erleuchteten Hintergrund sehr suggestive Wirkungen in einer  absolut zeitgenössischen Transposition. Die Führung der Darsteller ist ergreifend; in der Hauptrolle war der junge Bariton Franz-Joseph Einhaus überwältigend in der Wahrheit der Darstellung. (...)
 
Ein zeitgenössisches Stück, sicher, aber von einem Format, welches den langen Applaus eines sichtlich gewonnenen Publikums erringen konnte.
 
Auxipress,12.4.1991
 
 
 
Kameropera "Jacob Lenz" schrijnend muziektheater
 
 
(...) Astrid Vehstedt entwarf eine strenge, aber dramatische Regie, die in jedem Bild die Wahnideen und Gemütszustände von Lenz unter einem anderen Gesichtspunkt treffend darzustellen wußte. Es war halluzinantes Musiktheater, des dem Zuschauer von der ersten bis zur letzten Note die Kehle zuschnürte.
 
(...) Das schwarze, beeindruckende Bühnenbild besteht aus zwei Seitenwänden und einer Mittelwand, wo grosse, rechteckige Öffnungen es ermöglichen, die Entwicklungen einiger Nebenfiguren zu betrachten, die entweder stark beleuchtet, dann wieder im Gegenlicht oder einer düsteren Atmosphäre voranschreitet. In der Bühnenmitte gibt es einen Erdhügel. Durch eine kleine, wankende Brücke über den Orchestergraben können die Darsteller zu einem kleinen Podium mitten im Publikum gelangen. Die Realität spielt sich auf der grossen Bühne ab, während sich die innere Welt des Jakob Lenz meist auf dem kleinen Podium entblösst. (...)
 
(...) Ein Minutenlanger, enthusiastischer Applaus dankte allen Mitwirkenden für diese Schönheit.
 
Lloyd, 12.4.1991
 
 
 
Spaarzame soberheid
 
'Konsequent... konsequent..." Das waren die letzten Worte von Jakob Lenz. Sie klangen noch eine Weile nach in der Stille, unmittelbar nach der Vorstellung, aber dann brach der Applaus los und man saß wieder in der Wirklichkeit : dem Roten Saal in deSingel in Antwerpen, wo am Donnerstagabend die belgische Premiere von "Jakob Lenz" stattfand.
 
Realität und Unwirklichkeit : darum dreht sich diese Oper. (...)
 
(...)Das einfache Bühnenbild (...) ist streng auf das Notwendige gerichtet. (...) Es gibt nur eine kleine Veränderung : wenige Minuten vor dem Ende wird die Lichtwand im Hintergrund nach oben aufgezogen und die Seiten werden dunkel. Jakob Lenz bringt die Seitenwände zusammen, der große Lichtfleck wird zu einem schmalen Spalt und alles endet in einer totalen Finsternis. Eindrucksvoll.
 
Die Regie der jungen Schwedin Astrid Vehstedt schließt an diesem nüchternen Bühnenbild an (...)
 
De Morgen, 6.4.1991
 
Sobere hallucinatie van kameropera "Jakob Lenz"
 
... Die Schizophrenie, die sich als Kreuzweg in dreizehn "Stationen" bei Lenz offenbart, die beklemmende Diskrepanz zwischen der Innen- und Außenwelt seines zerrissenen Geistes ist durch die Regisseurin Astrid Vehstedt auf eine besonders klare aber auch zugleich suggestive und sehr durchdachte Weise ins Bild gebracht worden.
 
Sie ist auch nicht in die Falle einer unnötigen und exaltierten Schauspielregie getreten. (...)
 
Vehstedt weiß die Hauptfigur durchgehend in einer beherrschten, psychischen Dynamik zu ungewöhnlich halluzinanter Darstellung zu bewegen. (...)
 
Gazet van Antwerpen, 6./7. 4. 1991