Odradekisches zu Sonutarium

Für F.K.

Es gibt Menschen, die erklären mir im Brustton der Überzeugung, Sonutarium sei eindeutig ein lateinisches Wort. Wenn ich ein wenig zaghaft dagegen halte, dass dieses  Wort eigentlich aus dem Griechischen stamme, obwohl es zugegebenermaßen lateinisch klingt, werde ich meist mit einer mitleidigen bis entrüsteten Miene meines Gegenübers von oben bis unten gemustert, die mir sagen will, dass es mir doch eindeutig an humanistischer Bildung mangele, was ich gerne zugebe: ich habe zwar Altgriechisch in der Schule gelernt und stand im Latein bereits kurz vor dem Erwerb des Großen Latinums, aber durch die notwendigerweise intensive Auseinandersetzung mit dem Latein verschlechterte sich meinen Stil im Fach Deutsch derart, dass ich im letzten Moment die Notbremse zog. 

Die Verfechter des lateinischen Lagers meinen ferner, Sonutarium habe etwas mit Klang oder Klingen zu tun. Das, allerdings, scheint nicht ganz abwegig, nur heisst es eben sonare und nicht sonutare.

Aus dem Lager der Griechen kam bisher leider kein Kommentar. 

Dann meldet sich ein Verfechter der deutschen Linie zu Wort und behauptet, das Ganze sei ein Fehler, denn es müsse natürlich „Sanatorium“ heissen. Und tatsächlich ist ja auch ein Wellness-Hotel ein wichtiger Schauplatz. Nur handelt es sich eben doch nicht um ein Sanatorium, obwoh ich beim Schreiben hin und wieder daran denken musste, wie sich der „Zauberberg“ wohl hundert Jahre später darstellt.

Es bedarf also möglicherweise eines besonderen kriminalistischen Spürsinns, um herauszufinden, was sich denn endgültig hinter diesem Wort verbirgt. Ein guter Freund, der diese Angelegenheit sehr ernst nimmt, sagte mir, als ich ihn etwas besorgt nach seinem Befinden fragte, dass er bereits einige schlaflose Nächte verbracht habe, weil ihn dieses Wort mittlerweile nicht mehr in Ruhe ließe. Schließlich habe er es nicht mehr ausgehalten und seine Frau, die Kontakt zu spiritistischen Kreisen hat, gebeten, das Wort und was immer sich dahinter verbergen mag, in einer Séance ermitteln zu lassen. Das hat sie mittlerweile getan, und in der entsprechenden Sitzung zeigte sich ein Wesen aus dem Paläozoikum, das tatsächlich auf dem Namen Sonutarium hört. Es sei eine kleine Schnecke von der Gattung der Kopffüßler, die in unterseeischen Kanälen gelebt, aus diesen vertrieben worden sei und schließlich den Landgang versucht habe. Diesen habe sie aber nicht lange überlebt, da es ihr dauerhaft nicht möglich gewesen sei, das Licht zu ertragen. Bedingt durch eine große Naturkatastrophe, etwa einem Meteoriteneinschlag oder vielleicht auch einem plötzlichen Kippen der Erdachse und der damit verbundenen Flutwelle, kam es zur Auslöschung dieser Spezies, die jedoch mittels der Beschaffenheit dieser Naturkatastrophe über zigtausend Jahre für die Nachwelt konserviert wurde.

Wohlgemerkt besteht dieses entzückende, kleine Kopffüßler-Sonutarium-Wesen bisher nur immateriell in einer Geisterbeschwörung, aber vielleicht gelingt es Forschern in einigen Jahren, das Sonutarium aufzuspüren und, im Idealfall, zu klonen und damit nicht nur wieder zum Leben, sondern möglicherweise sogar zum Sprechen zu bringen; denn eines zeichnet sich bereits jetzt ab: das Sonutarium muss ein außergewöhnliches Wesen sein, so jedenfalls die Frau meines Freundes angesichts ihrer Erfahrungen in der Séance. 

Sollten sich Forscher allerdings tatsächlich, im Falle einer Entdeckung, an diesem Wesen versuchen, so ist nicht auszuschließen, dass aus dem kleinen, unscheinbaren Sonutarium vermittels erfolgreicher oder eben weniger erfolgreicher Klonversuche ein Monster entsteht, das sich von seinem lichtscheuen Verhalten in ein lichtresistentes entwickelt, ähnlich des Tyrannosaurus Rex, King Kong, der Mafia oder anderer, bekannter Ungeheuer und mit seinem Vernichtungswillen den gesamten Globus überzieht. Eine solche Entwicklung sollte in jedem Fall bedacht und beizeiten entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, um dieses zu verhindern.

Und was, wenn dieses Sonutarium doch kein Wesen ist? Wenn das Medium in der Séance eine Fehlinformation erhalten hat? Was dann? Dann beginnt alles wieder von vorn.

©Astrid Vehstedt